Für wen schreibe ich in diesem Blog?
UnternehmerInnen, Führungskräfte, Teams und MitarbeiterInnen, die die Arbeitswelt kontinuierlich verbessern und weiter entwickeln möchten. Ebenso für alle Menschen, die bereit sind, Verantwortung für die persönliche Entwicklung, die eigene Gesundheit und das eigene Verhalten zu übernehmen. Für alle Neugierigen.

Wertschöpfung durch Wertschätzung

- 8 Min. Lesezeit -
Die Droge Wertschätzung im Arbeitsleben: Um gut und gesund zu arbeiten brauchen Menschen Wertschätzung. Was aber beinhaltet Wertschätzung wirklich und wie setze ich sie im Arbeitsalltag konkret um?

Wann hatten Sie das letzte Mal das klare Gefühl „ich werde geschätzt und gewürdigt? Erhalten Sie ausreichend Wertschätzung im Beruf und im Privaten?

Menschen haben biologische, psychische und soziale Grundbedürfnisse. Neben individuellen Bedürfnissen gibt es solche, die alle Menschen gemeinsam haben: Männer und Frauen, Junge und Alte, Führungskräfte und MitarbeiterInnen... Die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse bildet die Basis von Zufriedenheit, Gesundheit und Leistungsfähigkeit.
So wie Ihr biologisches System Luft und Wasser zum Überleben benötigt, ebenso braucht Ihr psychische System das Gefühl: ich werde gesehen, ich werde geschätzt und respektiert. Meine Leistungen werden anerkannt, und ich erhalte Bestätigung für das, was ich tue. Werden biologische Grundbedürfnisse nicht befriedigt, kommt es schnell zum Tod: nur wenige Minuten ohne Sauerstoff und wenige Tage ohne Wasser reichen aus. Wird das psychische Bedürfnis nach Wertschätzung nicht befriedigt, trocknen allmählich Motivationssysteme aus, und langfristig kann es zum Kollaps sowohl psychischer als auch biologischer Funktionen kommen. Leistungsbereitschaft und -freude sowie Motivation sind eng verknüpft mit der Befriedigung dieses psychischen Bedürfnisses.

Sozialwissenschaftliche Studien bestätigen die Bedeutung der Wertschätzung sowohl für das Individuum als auch für den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen.

 Was ist Wertschätzung?

Wertschätzung beschreibt die positive Bewertung eines Menschen und ist verbunden mit grundsätzlichem Wohlwollen und Respekt. Sie stellt eine innere Haltung dar und darf keinesfalls als Technik zur Motivationssteigerung verstanden werden. Wertschätzung drückt sich in Zuwendung, Interesse, in Aufmerksamkeit sowie konstruktiver Kritik aus. Sie ist nicht gleichzusetzen mit Lob und Anerkennung. Diese beziehen sich auf einzelne Leistungen und können somit nur ein Teilaspekt der Wertschätzung sein. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass die Wertschätzung, die anderen Personen gegenüber erbracht wird, eng mit dem eigenen Selbstwertgefühl zusammenhängt. Das bedeutet: Wenn ich mich selbst nicht ausreichend würdigen kann, fällt es mir auch schwer, Andere zu würdigen, oder es wird sogar unmöglich.

Warum Wertschätzung am Arbeitsplatz so wichtig ist. 

Berufsarbeit ist für die meisten Menschen eine wichtige Quelle der sozialen Resonanz. Sie definieren und identifizieren sich unter anderem stark über ihre berufliche Tätigkeit. Fragen Sie einen Menschen, wer er ist, dauert es in der Regel nicht lange, bis er von seiner beruflichen Funktion oder Tätigkeit berichtet. Egal ob Mann oder Frau, egal wie alt oder in welcher Hierarchieebene man arbeitet –  alle haben den Bedarf nach Würdigung von Funktion und/oder Tätigkeit.

Bei Gefährdungsanalysen zur psychischen Belastung finden wir das Thema „Mangelnde Wertschätzung" regelmäßig unter den am häufigsten genannten Belastungsfaktoren. Ebenso thematisieren Führungskräfte und MitarbeiterInnen im Coaching den Motivationsverlust durch mangelnde Wertschätzung; Folgen können u.a. nachlassende Leistungsbereitschaft und innere Kündigung sein. Neben den psychischen Auswirkungen hat dieser Mangel Einfluss auf das biologische System: Das Belohnungszentrum des Gehirns produziert weniger Dopamin. Dopamin ist eine körpereigene „Droge", die Menschen benötigen, um körperlich und geistig aktiv zu sein. Man könnte sie auch als die Motivationsdroge schlechthin bezeichnen.

Langfristig kann mangelnde Wertschätzung seelisch sowie körperlich krank machen.
Leistungsbereitschaft und -freude sind abhängig von der erlebten Wertschätzung und Sinnhaftigkeit der beruflichen Tätigkeit.

Obwohl die meisten Führungskräfte zustimmen, dass Wertschätzung ein Qualitätsmerkmal guter Führung ist, beklagen viele MitarbeiterInnen den Mangel daran. Wie kann das sein?
Um einen Wert zu leben, braucht es

  1. Bewusstsein und Achtsamkeit,
  2. Möglichkeiten, den Wert in konkretes Handeln umzusetzen, zu operationalisieren.


Es fällt auf, dass bei der Frage nach dieser Operationalisierung „Wie vermitteln Sie KollegInnen, MitarbeiterInnen und Vorgesetzten Wertschätzung?" die Antwort sich zumeist auf „Lob bei guter Arbeit" oder „Dank bei guter Leistung" reduziert.

Welche Formen der Wertschätzung gibt es?

Es lohnt daher ein Blick auf die verschiedenen Ausdrucks- und Vermittlungsformen. Im Folgenden werde ich exemplarisch drei dieser Ausdrucksformen kurz skizzieren.

1. Körpersprache – die unmittelbarste Form der Wertschätzung
In vielen Redewendungen zeigt sich die Verbindung von Körper und innerer Haltung: „er ist mir zugewandt; sie haben sich von uns abgewandt", „Sie fallen uns in den Rücken; er lässt mir keinen Raum; sie würdigt mich keines Blickes"... Aber nicht nur die Alltagssprache, sondern auch neurobiologische Befunde zeigen, dass die Art und Weise, wie wir körperlich mit anderen Menschen agieren, deren Hormonausschüttung verändert und somit zum Wohl- oder Missempfinden beiträgt. Dabei werden die meisten körpersprachlichen Signale ausgetauscht und verarbeitet, ohne dass dies in unser Bewusstsein vordringt.
Dennoch gibt es viele Möglichkeiten, sich in dieser Form der Wertschätzung zu üben und damit auch die wertschätzende Haltung zu festigen: ein längerer Blickkontakt, ein achtsamer Händedruck, positive Bestärkungsgesten, aufrechte und zugewandte Steh- und Sitzhaltung, den richtigen Abstand zum Gegenüber finden und ihm Raum geben, u.v.m.
All das müssen Sie nicht neu lernen, denn es ist bereits in Ihrem Verhaltensrepertoire verankert. Es muss in den meisten Fällen lediglich „reanimiert" werden.

2. Zuhören – „kennen heißt nicht können"
Dass man Jemanden ausreden lässt, bedeutet noch nicht, dass man ihm auch zuhört. Und ausreden lassen alleine kann schon ziemlich schwierig sein, vor allem, wenn Menschen andere Ansichten vertreten, andere Bewertungen und Gefühle haben als man selbst. Wertschätzung ist nicht gleichzusetzen mit Zustimmung. Die Fähigkeit, dem Gegenüber wirklich Zeit zu lassen, um die eigenen Gedanken und Gefühle darzulegen und sich auf dessen Sicht - zumindest kurzfristig einzulassen - ist respektvoll und wertschätzend. Es ist wohl auch genau das, was Sie sich von Anderen wünschen, oder? Versuchen Sie einmal, einem Menschen mit grundsätzlich anderen Vorstellungen drei Minuten lang zuzuhören, ohne ihn zu unterbrechen oder gar vom Gegenteil überzeugen zu wollen (das findet im Berufsalltag außer in der Psychotherapie fast nirgends statt). Melden Sie ihm dann zurück, was Sie verstanden haben und fragen Sie nach, ob das aus seiner Sicht so richtig ist. Das wertschätzende Prinzip heißt hier: „erst verstehen, dann verstanden werden."

3. Feedback - wertschätzende Rückmeldungen sind vielmehr als Lob
Stellen Sie sich vor, Sie haben eine komplexe Aufgabe mit einem sehr guten Ergebnis und erhalten Feedback durch Ihre Vorgesetzte oder Kollegen.

  1. Reaktion: Keine. Ist ja schließlich ihr Job, für den Sie bezahlt werden.
  2. Reaktion: Sie erhalten eine knappe Email: Gut gemacht! Prima Lösung! Danke!
  3. Reaktion: Dasselbe wie in 2, aber im persönlichen Gespräch.
  4. Reaktion: Sie erhalten eine Rückmeldung, in der beschrieben ist, was er/sie an Ihrer Lösung gut findet und für wen dies nun hilfreich ist: „Besonders hat mich beeindruckt, dass Sie...; Das wird den Kontakt zu unseren Kunden verbessern...; Das erleichtert den KollegInnen die Arbeit...; Das entlastet mich sehr, weil ..."

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen aktiv und passiv konstruktivem Lob.
Passiv konstruktiv: Hier wird nicht erklärt, was und für wen etwas positiv verlaufen ist. Aktiv konstruktiv: Hier macht sich jemand die Mühe, zu analysieren, was denn genau der Gewinn bzw. die Vorteile des Ereignisses waren.

Wertschätzendes Feedback braucht aber auch die kritische Würdigung eines unerwünschten Verhaltens.

Nur im Doppelpack (aktiv konstruktives Lob und zugewandte konstruktive Kritik) spiegelt sich echte Wertschätzung wider.

Vielleicht sprechen wir hier von der größten Herausforderung wertschätzender Führung. Kritik kann nur auf dem Boden einer wertschätzenden Kultur fruchten. Auch MitarbeiterInnen sollten erkennen, dass fehlende Kritik Entwicklung verhindert oder ein Zeichen von Desinteresse sein kann. Oder umgekehrt: angemessene einfühlsame Kritik bedeutet – ebenso wie Lob – Wertschätzung.

Auf diesem Feld haben Organisationen, Führungskräfte und MitarbeiterInnen noch viele Entwicklungspotentiale.

Wertschätzung hat viele Gesichter - Eine Haltung entwickeln.

Wertschätzung drückt sich noch in vielen anderen Formen aus: Übertragung von Verantwortlichkeiten, Gratifikationen (sehr bedingt), Entwicklungsmöglichkeiten, Arbeitsmittel, Arbeitszeitmodelle.... All dies sollte kritisch auf Verstehbarkeit, Anwendbarkeit und Sinnhaftigkeit diskutiert und im jeweiligen Kontext geprüft werden. Nur durch die Reflexion und Übung der o.g. Aspekte kann eine Kultur entstehen, die Zufriedenheit, Leistungsbereitschaft, Gesundheit und Produktivität fördert und somit zum Gewinn für alle Beteiligten wird.

PS: Wertschätzung ist übrigens „küchentischtauglich". Experimentieren Sie damit doch mal in Ihrer Familie.

Mehr dazu in unseren Vorträgen, Büchern, Workshops und Seminaren.

Viel Erfolg in der Umsetzung

Cornelia Schneider




Die 3x3er Regel des Zuhörens
Selbstverantwortung

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